Phoenix Raceway im Detail: Arizonas flache Meile mit dem berühmten Dogleg
Wer zum ersten Mal ein Luftbild des Phoenix Raceway betrachtet, stutzt unweigerlich: Das soll ein Oval sein? Die Anlage im Wüstenvorland von Avondale, südwestlich von Phoenix in Arizona, misst zwar klassische eine Meile pro Runde, doch ihre Form widerspricht jedem Lehrbuch. Die beiden Kurvenkomplexe sind ungleich geformt, die Überhöhung ist auffallend flach, und eine der Geraden macht mittendrin einen Knick — das legendäre Dogleg. Seit 1964 fahren hier die besten Piloten Amerikas, und noch immer gilt: Wer diese Meile versteht, versteht das Ovalfahren.
Eine Meile, die aus der Reihe tanzt
Die Grundform des Phoenix Raceway ist ein Unikat im amerikanischen Streckenkalender. Ein Ende der Strecke ist enger und flacher, das andere weiter und offener — ein Auto, das in der einen Kurvenkombination perfekt liegt, untersteuert oder übersteuert am anderen Ende der Runde. Dazu kommt das Dogleg: eine sanfte, aber folgenreiche Biegung dort, wo andere Ovale schlicht eine Gerade haben. Die Fahrer stehen in jeder Runde vor derselben Entscheidung. Entweder sie folgen dem Bogen der Ideallinie, oder sie tauchen nach innen auf den Apron und schneiden den Knick regelrecht ab. Bei Restarts, wenn das Feld dicht gestaffelt anrollt, fächern die Autos drei- oder vierspurig auf, und genau in diesem Moment entstehen viele der Überholmanöver, für die die Strecke berühmt ist. Ein Oval, das Geradeausfahren bestraft — das gibt es so kein zweites Mal.
Wüste, Berge und ein Rennplatz vor den Toren von Phoenix
Die Lage macht einen großen Teil des Charakters aus. Das Raceway liegt am Fuß der Estrella Mountains, umgeben von der kargen Landschaft des Sonora-Wüstenraums: Geröllhänge, Kakteen, gleißendes Licht. Hinter den Kurven erhebt sich ein natürlicher Hügel, der unter Fans seit Jahrzehnten als Rattlesnake Hill bekannt ist — von dort verfolgten Generationen von Zuschauern die Rennen direkt vom Wüstenboden aus, ein Panorama, das keine Tribüne der Welt ersetzen kann. Die Wüste ist dabei mehr als Kulisse. Die extreme Sonneneinstrahlung und die großen Temperaturschwankungen lassen den Asphalt schneller altern als anderswo, der Grip wandert im Lauf eines Rennwochenendes über die Fahrbahn, und die Linie, die am Samstag funktionierte, kann am Sonntag wertlos sein. Teams, die in Arizona gewinnen wollen, müssen die Wüste mitdenken.
Von 1964 bis heute: eine lange Vorgeschichte
Eröffnet wurde die Anlage 1964 unter dem Namen Phoenix International Raceway, zu einer Zeit, als der große amerikanische Motorsport Arizona gerade erst entdeckte. Über Jahrzehnte war die Meile ein Stammplatz im nationalen Formelsport: Erst die USAC-Championship-Autos, später die Boliden von CART und IndyCar machten Phoenix zu einem der wichtigsten Oval-Prüfsteine des Landes; Mitte der 2010er-Jahre kehrte die IndyCar-Serie noch einmal für einige Jahre zurück. In der Frühzeit gehörte zudem ein Rundkurs-Layout abseits des Ovals zum Gelände — die Gründer dachten die Anlage von Anfang an als vielseitige Heimat des Wüstenrennsports. 1988 kam schließlich NASCAR mit seiner höchsten Liga nach Avondale, und aus dem Geheimtipp im Südwesten wurde endgültig eine Institution. Über weite Strecken der NASCAR-Ära trug die Strecke zwei Cup-Rennwochenenden pro Jahr aus, eines im Frühjahr und eines im Herbst — ein Doppeltermin, der den Stellenwert der Wüstenmeile im Kalender unterstreicht und dafür sorgte, dass ganze Fahrergenerationen die Eigenheiten der Strecke zweimal jährlich neu lernen mussten.
Flache Kurven, volle Konzentration
Die Überhöhung der Kurven bewegt sich im niedrigen einstelligen Gradbereich — ein Bruchteil dessen, was steile Superspeedways bieten. Das verändert die Aufgabe grundlegend: Eine steile Kurve trägt das Auto, eine flache Kurve verlangt, dass der Fahrer die Kurvengeschwindigkeit selbst erarbeitet. Mechanischer Grip, dosiertes Gas, präzises Einlenken — nichts davon lässt sich durch Motorleistung ersetzen. Ein Auto, das in Phoenix nicht einlenkt, ist verloren, egal wie schnell es auf der Geraden ist. Deshalb gilt die Strecke unter Ingenieuren als Setup-Prüfstand und unter Fahrern als Geduldsspiel: Man attackiert die Meile nicht, man verhandelt mit ihr. Wer zu früh zu viel will, ruiniert die Reifen; wer zu vorsichtig ist, verliert die Track Position, die hier über fast alles entscheidet. Diese Balance aus Aggression und Zurückhaltung trennt in Arizona die Sieger von den Platzierten.
Zwei Umbauten, zwei Zeitenwenden
Zweimal hat die Strecke sich neu erfunden. 2011 wurde die Meile neu asphaltiert und zugleich umgestaltet: Das Dogleg wurde breiter und ausgeprägter, der Apron als nutzbare Fahrbahn geöffnet, und variable Überhöhung sorgte dafür, dass unterschiedliche Spuren tatsächlich unterschiedliche Kurvenradien bieten. Der junge Asphalt zwang die Fahrer zunächst auf eine einzige Linie, doch je stärker die Sonne Arizonas die Oberfläche alterte, desto breiter wurde das Racing — genau wie geplant. Der zweite Umbruch folgte 2018 mit einer umfassenden Modernisierung der gesamten Anlage: neue Tribünen, offene Fanzonen im Infield, moderne Boxenanlagen. Der radikalste Eingriff war sportlicher Natur: Die Start-Ziel-Linie wanderte auf die frühere Gegengerade, wodurch das Dogleg plötzlich auf der Startgeraden lag. Jeder Restart schickt das Feld seither direkt in den Knick — beste Unterhaltung, direkt vor der Haupttribüne. In dieser Phase trug die Strecke vorübergehend den Sponsorennamen ISM Raceway, ehe sie 2020 wieder Phoenix Raceway hieß. Seit dem großen Umbau gehört das Phoenix Raceway zudem zu den zuschauerfreundlichsten Anlagen der USA: Das Infield ist für Fans geöffnet, wer möchte, schlendert am Rennwochenende durch die Fanzone im Inneren des Ovals, wirft einen Blick in die Garagen und erlebt die Arbeit der Teams aus nächster Nähe. Dazu kommt die Besonderheit der Landschaft — Besucher können das Geschehen auch vom Hang oberhalb der Strecke verfolgen, dort, wo einst die legendäre Kulisse des Rattlesnake Hill entstand. Die Renntermine liegen traditionell in den kühleren Monaten, wenn das Wüstenklima Arizonas mild und der Himmel meist wolkenlos ist, und die Nähe zur Metropole Phoenix mit Flughafen und Hotels macht die Anreise denkbar einfach. Wenn die Sonne hinter den Estrella Mountains versinkt, während auf der Meile noch gefahren wird, versteht man, warum viele Fans die Reise in den Südwesten Jahr für Jahr wiederholen.
Bühne für Titelentscheidungen
Jahrelang war das Herbstrennen in Phoenix das nervenaufreibende Ausscheidungsrennen vor dem Saisonfinale anderswo. 2020 drehte NASCAR den Spieß um und verlegte das komplette Championship Weekend nach Avondale: Die Titel des Cup Series, der Xfinity Series und der Truck Series wurden fortan alle auf der Wüstenmeile entschieden. Chase Elliott sicherte sich dort die erste in Phoenix vergebene Cup-Krone, es folgten Champions wie Kyle Larson, Joey Logano und Ryan Blaney. Eine Titelentscheidung auf einer flachen Meile ist ein anderes Spiel als auf einem Superspeedway: kein Windschatten-Roulette, sondern ein Duell um Track Position, Boxenstrategie und Kurvenspeed — der Champion muss das Rennen mit dem Lenkrad gewinnen. Inzwischen hat NASCAR angekündigt, das Finale zwischen verschiedenen Strecken rotieren zu lassen, doch die Finaljahre haben Phoenix endgültig ins Zentrum der modernen NASCAR-Geschichte gerückt.
Namen, Siege, Anekdoten
Schon das erste Cup-Rennen 1988 schrieb Geschichte: Alan Kulwicki feierte in Phoenix seinen ersten Sieg in der höchsten NASCAR-Liga und drehte anschließend eine Ehrenrunde in falscher Richtung — im Uhrzeigersinn —, die als seine Polish Victory Lap in die Folklore des Sports einging. Jahrzehnte später machte Kevin Harvick die Meile zu seinem Wohnzimmer: Neun Cup-Siege sammelte er in Avondale, mehr als jeder andere Fahrer an dieser Strecke und eine der beeindruckendsten Einzelstrecken-Bilanzen der Moderne. Dazwischen liegt ein Who's who des amerikanischen Rennsports, von den Open-Wheel-Größen der USAC- und CART-Ära bis zu den Stockcar-Champions von heute. Kaum ein anderer Ort verbindet so viele Epochen des US-Motorsports auf einem einzigen Asphaltband von einer Meile Länge.
Auf der Karte
Das Phoenix Raceway ist nur eine Nadel auf einer sehr großen Landkarte des Motorsports. Wer sehen will, wie sich die Wüstenmeile von Arizona in das weltweite Netz aus Rennstrecken, Ovalen und Speedways einfügt, öffnet am besten unsere interaktive Karte und beginnt zu stöbern: von den Estrella Mountains hinauszoomen, Streckentypen filtern, Nachbarstrecken entdecken. Aus der Vogelperspektive versteht man auch das Dogleg am besten.