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Sitges-Terramar: Die steilste Betonschüssel Europas und ihr rätselhaftes Überleben

Wer heute von Barcelona aus rund vierzig Kilometer die Küste hinunterfährt und hinter dem Badeort Sitges ins Hinterland abbiegt, stößt auf eines der merkwürdigsten Bauwerke der Motorsportgeschichte: einen geschlossenen Ring aus hellem Beton, dessen Kurven sich so steil auftürmen, dass man beim Hinaufklettern unwillkürlich nach Halt sucht. Das Autódromo de Sitges-Terramar wurde im Herbst 1923 eröffnet, trug noch im selben Jahr den Großen Preis von Spanien aus – und verschwand danach fast augenblicklich vom internationalen Kalender. Abgerissen wurde es trotzdem nie. Dieselben Betonplatten, über die 1923 Grand-Prix-Wagen donnerten, liegen noch heute da: rissig, verwittert, aber vollständig.

Der Traum vom katalanischen Brooklands

Um zu verstehen, warum jemand mitten in die Landschaft des Garraf ein Betonoval gießen ließ, muss man sich die frühen 1920er Jahre vergegenwärtigen. Permanente Rennanlagen waren die große Mode der Epoche: Brooklands in England hatte 1907 eröffnet, Indianapolis folgte 1909 in den Vereinigten Staaten, Monza wurde 1922 vor den Toren Mailands eingeweiht. Der Motorsport boomte, nationales Prestige stand auf dem Spiel, und Spanien – mit einer lebendigen Automobilszene rund um Barcelona – wollte einen eigenen Tempel der Geschwindigkeit. Treibende Kraft war ein Kreis katalanischer Industrieller und Motorsportenthusiasten, als dessen zentrale Figur meist der Unternehmer Frick Armangué genannt wird. Ein Gelände bei Sant Pere de Ribes, unweit von Sitges, wurde gesichert, und dann ging alles in einem Tempo voran, das bis heute kaum zu glauben ist: Die gesamte Anlage soll in etwa dreihundert Tagen fertiggestellt worden sein. In einer Zeit von Pferdefuhrwerken und Handarbeit wuchs binnen deutlich weniger als einem Jahr ein komplettes Steilwand-Oval aus den Weinbergen.

Beton, der sich aufbäumt wie eine Radrennbahn

Das Außergewöhnliche an Terramar war nicht die Länge der Strecke – die Runde maß nur rund zwei Kilometer, selbst für damalige Verhältnisse bescheiden –, sondern ihr Profil. Die beiden Kurvenbögen des Ovals waren so steil überhöht, dass sie weltweit kaum ihresgleichen hatten; üblicherweise werden bis zu sechzig Grad an der steilsten Stelle genannt. Das übertrifft alles, was ein modernes Superspeedway wagen würde, und ähnelt eher der Geometrie einer Radrennbahn – nur eben in Beton gegossen und auf Automobilmaßstab vergrößert. In Terramar fuhr man nicht durch die Kurve, man ritt auf der Wand, allein von der Geschwindigkeit dort oben gehalten. Die Technik der Zeit machte das zu einem Vabanquespiel: schmale Reifen, seilzugbetätigte Bremsen, Fahrgestelle, die kaum eine Generation von der Kutsche entfernt waren – und am oberen Rand der Steilwand keine nennenswerte Absperrung. Zeitgenössische Berichte beschreiben das Gefühl auf der Überhöhung als Mischung aus Rausch und blanker Angst, und die Fotografien der Eröffnungsveranstaltung zeigen Wagen in Schräglagen, die schlicht unmöglich aussehen.

Ein einziger Grand Prix

Der große Augenblick der Strecke kam gleich zur Einweihung im Oktober 1923, als Terramar den Großen Preis von Spanien austrug. Ein ernstzunehmendes internationales Feld reiste an, und der Sieg ging an den Franzosen Albert Divo auf Sunbeam – einer der führenden Grand-Prix-Marken jener Jahre. Auf dem Papier war es genau der Start, von dem die Initiatoren geträumt hatten: ein Weltklasse-Ereignis auf spanischem Boden, in einer Anlage, die den Vergleich mit Monza und Brooklands nicht scheuen musste. Das Rennen selbst zeigte Verheißung und Gefahr des Ortes zugleich. Die Dauergeschwindigkeiten auf der Steilwand waren für die Epoche spektakulär, doch die Bahn forderte Material, Reifen und Fahrern alles ab, und die kurze Runde zwang das Feld in enge, unerbittliche Nähe. Die Zuschauer wiederum bekamen etwas geboten, das keine Straßenrennstrecke leisten konnte: das gesamte Rennen von einem einzigen Standpunkt aus sichtbar, ein Amphitheater der Geschwindigkeit nach dem Vorbild der großen amerikanischen Ovale.

Der Tag, an dem die Kasse leer war

Was Terramar als Spitzenrennstrecke zugrunde richtete, war weder der Beton noch die Steilwand noch der Sport. Es war das Geld. Der Bau hatte die Finanzen der Betreibergesellschaft bis zum Zerreißen gespannt, und ausgerechnet bei der allerersten Veranstaltung kam es zum Eklat: Gläubiger griffen auf die Einnahmen aus dem Kartenverkauf zu, und die Preisgelder für die Fahrer konnten nicht ausgezahlt werden. Für eine internationale Sportveranstaltung war das eine Katastrophe. Die Verantwortlichen des internationalen Motorsports reagierten mit größter Härte auf einen Veranstalter, der die Sieger nicht bezahlte, und Terramars Ruf als Grand-Prix-Austragungsort war praktisch am Tag seiner Geburt zerstört. Der Große Preis von Spanien zog weiter – ab 1926 fand er im baskischen Lasarte eine langjährige Heimat –, und das nagelneue Autodrom bei Sitges stand nur Monate nach der Eröffnung ohne Rennkalender da. Kaum eine Rennstrecke der Geschichte ist so tief und so schnell gefallen, ohne dass die Fahrbahn selbst etwas dafür konnte.

Geisterjahre: Rekorde, Motorräder und Hühner

Terramar starb nicht auf einen Schlag; es verblasste in Etappen. Unter neuen Eigentümern gab es in den Folgejahren noch sporadischen Betrieb – Motorradveranstaltungen, kleinere Autorennen und Rekordversuche hielten den Beton bis in die 1930er Jahre gelegentlich in Gebrauch, und immer wieder versuchten Enthusiasten eine Wiederbelebung. Keiner dieser Anläufe trug. Der Spanische Bürgerkrieg und seine Nachwirkungen drängten den Motorsport weit nach hinten auf der nationalen Tagesordnung, und das Oval glitt in ein landwirtschaftliches Nachleben hinüber: Jahrzehntelang dienten Innenfeld und Gebäude als Hühnerfarm – Geflügel nistete buchstäblich dort, wo einst Grand-Prix-Wagen vorbereitet worden waren. Es gehört zu den seltsameren Ironien des Motorsports, dass ausgerechnet diese bescheidene Nutzung den Ort vermutlich gerettet hat. Es gab keinen Druck, das Gelände zu räumen, keine Neubebauung, keinen Abriss. Der Betonring blieb einfach liegen, bewacht von Farmzäunen und vergessen von fast allen außer Lokalhistorikern und dem gelegentlichen Pilger mit Kamera.

Der zufällige Überlebende einer ganzen Epoche

Man vergleiche das Schicksal der Zeitgenossen: Brooklands wurde von Luftfahrtindustrie und Kriegswirtschaft zerschnitten, die großen amerikanischen Holzbahnen verrotteten oder brannten binnen ein, zwei Jahrzehnten nieder, Monzas ursprüngliches Hochgeschwindigkeitsoval wurde umgebaut und die spätere Steilwand aufgegeben. Terramar dagegen existiert in einem Zustand, der dem Original bemerkenswert nahekommt – eine der ältesten noch stehenden permanenten Rennanlagen der Welt und nach gängiger Zählung die älteste Spaniens. Die Fahrbahn ist der originale Beton der 1920er Jahre, verlegt in Platten, deren Fugen sich nach einem Jahrhundert aus Hitze und Regen geöffnet haben. Vegetation drückt durch die Risse, die Steilwand ist fleckig und geflickt, und doch bleibt die Geometrie vollkommen lesbar: Wer heute auf der Gegengeraden steht, kann die gesamte Strecke exakt so ablesen, wie ein Fahrer sie 1923 gesehen hätte. Motorsporthistoriker behandeln den Ort als eine Art Freilichtmuseum – ein unverfälschtes Fenster in eine Zeit, in der es Rennarchitektur gab, aber noch keine Sicherheitsforschung.

Terramar in der Gegenwart

Das Autodrom ist Privatgelände, und freier Zutritt war nie garantiert – unsichtbar geworden ist es trotzdem nicht. Oldtimertreffen, Fotoproduktionen, Filmteams und Werbeveranstaltungen haben immer wieder Motorenlärm auf den alten Beton zurückgebracht, und jedes Mal gehen die Bilder moderner Maschinen auf der bröckelnden Steilwand um die Welt. In den vergangenen Jahren haben neue Eigentümer Pläne vorgestellt, dem Gelände eine tragfähige Zukunft zu geben: Erhalt der historischen Bahn, kombiniert mit Pferdesport und öffentlichen Veranstaltungen. Das Projekt kommt langsam voran, hält die Strecke aber im Gespräch – und vor allem auf der Landkarte. Was auch immer am Ende daraus wird: Terramar hat längst etwas erreicht, das 1923 kein Veranstalter hätte vorhersagen können. Es hat die Epoche überlebt, die es hervorbrachte, den Skandal, der es zerbrach, und fast jeden Rivalen, der es einst überstrahlte.

Auf der Karte

Sitges-Terramar ist eine von Hunderten Rennstrecken, Ovalen und Speedways – aktiven, historischen und verlassenen –, die sich auf unserer interaktiven Karte finden lassen. Wer an der katalanischen Küste südwestlich von Barcelona hineinzoomt, erkennt den Umriss des alten Ovals sofort: ein Betonring, in die Felder hinter Sitges gedrückt. Von dort aus lässt sich die Geschichte der Steilwand-Ära der 1920er Jahre quer durch Europa und darüber hinaus verfolgen, eine überhöhte Kurve nach der anderen.