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Brooklands: Die erste eigens gebaute Rennstrecke der Welt

Wer heute durch das Grün von Surrey südwestlich von London spaziert, stößt unvermittelt auf eine bizarre Kulisse: eine riesige, rissige Betonrampe, die sich zwischen Bäumen und Bürogebäuden in den Himmel wölbt. Es ist die Members' Banking von Brooklands, der Rest der ersten Rennstrecke der Welt, die je eigens für Automobile gebaut wurde. Als sie im Juni 1907 eröffnet wurde, gab es weder Indianapolis noch Monza, weder Steilwandovale noch Teststrecken. Alles, was der Motorsport später an gebauter Infrastruktur hervorbrachte, hat hier seinen Ursprung – auf dem Grundbesitz eines Mannes, der dafür beinahe sein gesamtes Vermögen opferte.

Warum England eine Rennstrecke brauchte

Das Vereinigte Königreich war zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ein denkbar schlechtes Pflaster für schnelle Autos. Der Motor Car Act von 1903 legte ein generelles Tempolimit von 20 Meilen pro Stunde auf öffentlichen Straßen fest, und Straßenrennen wie in Frankreich oder Italien waren auf der britischen Hauptinsel undenkbar. Während der Kontinent große Städterennen austrug und seine Automobilindustrie auf offener Straße erprobte, mussten britische Hersteller zum Testen ins Ausland reisen oder auf die Isle of Man ausweichen, wo eigene Gesetze Straßensperrungen erlaubten.

Für Hugh Locke King, einen wohlhabenden Gutsbesitzer aus dem Tal des Flusses Wey bei Weybridge, war das ein unhaltbarer Zustand. Er fürchtete, die britische Automobilindustrie werde technologisch abgehängt, weil ihre Ingenieure nirgendwo unter Rennbedingungen fahren konnten. Seine Antwort war so einfach wie größenwahnsinnig: Er würde auf eigenem Land und auf eigene Kosten eine private Hochgeschwindigkeitsbahn errichten, offen für Hersteller, Rekordjäger und Rennfahrer. Aus dem zunächst bescheidenen Plan wurde unter dem Einfluss seiner Berater ein Monumentalbauwerk.

Neun Monate, ein Vermögen, ein Oval

Was ab 1906 auf Locke Kings Ländereien entstand, sprengte jeden Maßstab der Epoche. Der äußere Kurs, der Outer Circuit, maß rund 2,75 Meilen, also etwa 4,4 Kilometer, und war ungefähr 30 Meter breit – so breit, dass mehrere Fahrzeuge nebeneinander mit Vollgas fahren konnten. Die beiden großen Kurven, die Members' Banking und die Byfleet Banking, wurden als Steilwände aus unbewehrtem Beton ausgeführt und erreichten an ihrer höchsten Stelle knapp neun Meter. Die Idee dahinter: Bei passender Geschwindigkeit sollte ein Auto die Kurve theoretisch ohne Lenkeinschlag durchfahren können.

Das Gelände machte den Bau zur Tortur. Der Wey durchquerte die Baustelle, sodass die Fahrbahn auf einer Brücke über den Fluss geführt werden musste; sumpfiger Boden musste trockengelegt, gewaltige Erdmassen mussten bewegt werden. Tausende Arbeiter schufteten auf der Baustelle, und in deutlich weniger als einem Jahr verwandelte sich Ackerland in ein fertiges Betonoval. Die Kosten verschlangen einen Großteil von Locke Kings Vermögen – nach heutigem Geld ein zweistelliger Millionenbetrag – und das Projekt wäre ohne das energische Eingreifen seiner Frau Ethel womöglich noch vor der Eröffnung gescheitert.

Rennsport nach den Regeln des Pferdesports

Als Brooklands im Juni 1907 eröffnet wurde, fuhr Ethel Locke King an der Spitze der Eröffnungsparade über die Bahn – eine stille Anerkennung ihrer Rolle bei der Rettung des Projekts. Schon wenige Wochen später bewies die Strecke ihren Wert: Selwyn Francis Edge fuhr einen Napier 24 Stunden lang praktisch ununterbrochen im Kreis, nachts entlang von Laternen, und legte dabei im Schnitt rund 65 Meilen pro Stunde zurück, ein Distanzrekord, der jahrelang Bestand hatte.

Das erste eigentliche Rennen im Juli 1907 offenbarte allerdings, dass niemand wusste, wie man Autorennen organisiert. Also lieh man sich alles vom Pferderennsport: Es gab einen Paddock, die Wagen wurden wie Rennpferde gehandicapt, und die Fahrer trugen statt Startnummern farbige Kittel wie Jockeys ihre Seidenblusen. Die Zuschauer konnten kaum auseinanderhalten, wer da eigentlich führte. Startnummern, Anzeigetafeln, ausgefeilte Handicap-Systeme – die Grundwerkzeuge der modernen Rennorganisation mussten in Brooklands erst mühsam erfunden werden.

Rekordjagd auf dem Outer Circuit

In den Jahren zwischen den Weltkriegen wurde Brooklands zum Zentrum des britischen Motorsports und zur Rekordfabrik. Der Brooklands Automobile Racing Club verlieh ein begehrtes Abzeichen an alle, die den Outer Circuit mit einem Schnitt von über 120 Meilen pro Stunde umrundeten; dieses Badge war eine der höchsten inoffiziellen Auszeichnungen der Szene. Im Februar 1913 gelang Percy Lambert auf einem Talbot als erstem Menschen die Fahrt von mehr als 100 Meilen innerhalb einer Stunde. Noch im selben Jahr verunglückte er auf der Strecke tödlich, als er seinen Rekord zurückerobern wollte – der Beton verzieh keine Fehler.

Brooklands war dabei nie nur eine Sportstätte, sondern ein gesellschaftliches Ereignis. Der Slogan des Clubs, sinngemäß die richtigen Leute und kein Gedränge, beschrieb ein exklusives Ambiente irgendwo zwischen Rennbahn, Landpartie und Gartenfest: Man traf sich im Clubhaus, flanierte im Paddock und beobachtete von der Böschung aus, wie die Rekordjäger über die Steilwand donnerten. Zugleich war die Bahn ein knallhartes Testlabor, auf dem Hersteller ihre Serienwagen über Stunden und Tage prügelten, um Haltbarkeit zu beweisen – Werbung, die auf keiner Landstraße der Insel legal zu haben war.

Der ultimative Outer-Circuit-Renner war der Napier-Railton, ein Gigant mit Flugmotor, gebaut für John Cobb. 1935 umrundete Cobb die Bahn mit etwas über 143 Meilen pro Stunde, umgerechnet rund 230 km/h – ein Rundenrekord für die Ewigkeit, denn der Rennbetrieb endete, bevor ihn jemand brechen konnte. Größen wie Malcolm Campbell gehörten zu den Stammgästen, und gemessen an den Konventionen der Zeit war Brooklands bemerkenswert offen für Fahrerinnen: Schon in den frühen Jahren gab es Damenrennen, und Pilotinnen wie Kay Petre wurden zu Publikumslieblingen. 1926 fand auf dem Gelände der erste Große Preis von Großbritannien statt, 1932 kam der berüchtigt steile Test Hill hinzu, und 1937 wurde mit dem Campbell Circuit ein straßenähnlicher Kurs ins Innere des Ovals gebaut.

Flugplatz und Flugzeugfabrik

Brooklands hat eine zweite Identität, die mindestens so bedeutend ist wie die erste: Es zählt zu den Geburtsorten der britischen Luftfahrt. Die weite, ebene Fläche im Inneren des Ovals bot sich als Flugfeld an, und schon 1908 unternahm der Pionier Alliott Verdon Roe dort seine frühen Hüpfflüge. Bald wuchs im Inneren der Bahn ein ganzes Flugdorf aus Schuppen, Werkstätten und Flugschulen heran; Thomas Sopwith, dessen Name später auf berühmten Jagdflugzeugen stand, lernte in Brooklands das Fliegen.

Aus dem Flugfeld wurde Industrie. Vickers baute in Brooklands Flugzeuge, und der Ingenieur Barnes Wallis, später berühmt für seine Erfindungen im Zweiten Weltkrieg, leistete dort einen großen Teil seiner Arbeit. Auch Hawker nutzte den Platz: Der Prototyp der Hurricane absolvierte Ende 1935 seinen Erstflug von Brooklands aus. Drei Jahrzehnte lang teilten sich Rennmotoren und Flugzeugpropeller denselben Himmel über Surrey – eine Gleichzeitigkeit zweier Verkehrsrevolutionen, die kein anderer Ort der Welt in dieser Form erlebt hat.

Krieg, Wellington-Bomber und das Ende

Mit dem britischen Kriegseintritt im September 1939 endete der Rennbetrieb schlagartig – und für immer. Das gesamte Areal wurde der Flugzeugproduktion unterstellt: Vickers fertigte in Brooklands Wellington-Bomber in großer Stückzahl, und der einst hell leuchtende Beton wurde mit Farbe und Netzen getarnt. Genützt hat es nur bedingt: Bei einem deutschen Luftangriff auf das Vickers-Werk im September 1940 starben zahlreiche Beschäftigte.

Der Krieg zerstörte die Rennstrecke auf Dauer. Für Werksgebäude und Rollwege wurden Schneisen durch die Steilkurven gebrochen und Bauten quer über die Fahrbahn errichtet; nach 1945 war eine Instandsetzung wirtschaftlich aussichtslos. 1946 ging das Gelände an Vickers über, und Brooklands gehörte fortan allein der Luftfahrt, die dort noch Jahrzehnte weiterarbeitete. Erst spät begann man, die Reste der Bahn als Denkmal zu begreifen: Seit 1991 erzählt das Brooklands Museum die Doppelgeschichte des Ortes, mit dem Napier-Railton in der Sammlung, dem erhaltenen Test Hill, dem alten Clubhaus – und einer Concorde als Schlusspunkt einer Entwicklung, die hier mit Hüpfflügen begann. Wer heute oben auf der verwitterten Members' Banking steht, spürt noch immer, wofür dieser Beton gegossen wurde.

Auf der Karte

Brooklands ist der Urahn aller gebauten Rennstrecken – und damit der ideale Startpunkt für eine Reise über unsere interaktive Karte. Dort findest du das Gelände in Surrey ebenso wie seine Nachfahren: Indianapolis, Monza, moderne Grand-Prix-Kurse und unzählige Ovale und Speedways weltweit. Zoom hinein und verfolge, wie sich die Idee einer eigens gebauten Rennstrecke von einem englischen Landgut aus über den ganzen Globus ausgebreitet hat.